ERGOTHERAPIE

Andrea M. Kern arbeitet freiberuflich mit Kindern und Erwachsenen in eigener Praxis in Wien: Das Team in der tiergestützten Ergotherapie komplettiert ihre schwarzmarkene Hovawarthündin Cara.

Hier ihr Bericht:

Wir haben unsere gemeinsame Ausbildung bei THL, die wir beide sehr genossen haben, 2010 begonnen und abgeschlossen. Als Ersthundehalterin habe ich dort all das gelernt, was ich über das Wesen Hund an sich, in Bezug auf seine Bedürfnisse und Arbeitsgegebenheiten wissen wollte. Und für Cara war es der Beginn in ein spannendes, freudvolles Arbeitsleben.

Wir arbeiten derzeit zweimal wöchentlich mit je 1-3 Patienten, wobei die Therapieeinheiten in der Einzeltherapie 50 Minuten dauern. Für Cara beträgt die Arbeitsspanne pro Patient im Schnitt 5-20 Minuten. Während ihrer Pause arbeite ich dann ergotherapeutisch mit den Patienten weiter.

Mittlerweile sind wir seit Beginn unserer Zusammenarbeit 2010 beim 63. Patienten angelangt und Cara ist nach wie vor voller Begeisterung dabei. Sie zeigt mir das, indem sie freudvoll wedelnd durch meine Grätsche im großen Therapieraum geht und dabei „lächelt“. Sollte sie dies einmal nicht mehr tun, werden wir nach einem „Mitarbeitergespräch“ überlegen, ob sie in Pension gehen darf….:)

Die tiergestützte Ergotherapie ist als eine von vielen möglichen Methoden in der Ergotherapie zu sehen. Ich setze sie ein, wenn ich mir durch Caras Mitarbeit oder An / Wesenheit eine Erreichung der Therapieziele beim Klienten erwarte. Vorher kläre ich auch noch ab, ob Allergien, großen Ängste oder religiöse Vorbehalte dagegensprechen. Erwähnenswert finde ich, dass in den vier Jahren unseres gemeinsamen Arbeitens Cara erst einmal aus religiösen Gründen nicht zum Einsatz kam.

Ich arbeite in meiner Praxis mit entwicklungsverzögerten, verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen, geistig und körperlich Behinderten aller Altersstufen und neurologisch und geriatrischen Patienten. Das tiergestützte Arbeiten mit meiner Hündin hat in meine 28jährige Berufstätigkeit komplett neue Perspektiven und Zugänge gebracht, die mich bei jedem neuen Patienten neugierig machen, mich immer wieder berühren und auch fordern.

Hier einige Einsatz-Arbeits-Beispiele:

Um die Grobmotorik und Koordination zu trainieren, werden Hindernisparcoure aufgebaut, die von den Patienten beübt werden und Cara wird am Ende (brav im Sitz wartend) ein Leckerli gebracht – ev. sogar auf einem Kochlöffel!

Auch Leckerlis werden mit dem Kommando „Schnapp“ zielgerichtet auf ihre Nase geworfen. Ist für die meisten lustvoller, als mit Bällen zu üben….

Für die Feinmotorik kommen diverse Shredderspiele (Danke an unsere Thl-Hundetrainerin Gabi Mayr dafür), und Befüllen diverser Intelligenzspiele zum Einsatz, Hundekekse backen erfreut sich großer Beliebtheit, ebenso Cara aus Knetmasse zu formen.

Um die Grafomotorik zu verbessern wird Cara gezeichnet oder es werden ihr Briefe geschrieben.

Das Merken der Kommandos und Tricks sowie das Verstecken der Leckerlis und Erinnern derselben steigern die Konzentrations und Merkfähigkeit.

Im sozio-emotionalen Bereich ist der tiergestützte Einsatz besonders therapiewirksam.

Einerseits spiegelt Cara das Verhalten der Patienten, was ich bei verhaltensauffälligen Kindern gut zum Reflektieren verwenden kann. (z.B. schlafender Hund – ruhiges Kind, wild agierendes Kind – aufgeregter Hund).

Aufmerksamkeitsschwache Kinder fordert sie mit ihrer lebendigen Art dann schon bei der Begrüßung auf, aufmerksam zu sein.

Bei einem autistischen Buben, der sehr in seinen sensomotorischen Verhaltenssterotypien gefangen war, konnte sie alleine durch ihre Anwesenheit und gelegentliche vorsichtige Kontaktaufnahme ihrerseits viel bewirken. Er lernte dadurch seiner Umwelt mehr Aufmerksamkeit zu schenken und ich nutzte dies dann für weiterführende therapeutische Massnahmen, für die er vorher kaum offen war.

Regelbewusstsein und Empathiefähigkeit lassen sich ebenfalls sehr gut durch die tiergestütze Ergotherapie fördern – die meisten meiner Patienten haben kein Problem damit, zu akzeptieren, dass Cara in ihrer Pause auf ihrer Decke nicht gestört werden soll oder dass der Leckerliversteckparcours nicht 50 Leckerlis beinhalten soll, weil sie sonst Bauchweh bekommt.

Bei einer geistig behinderten Frau, die verbal, trotz vorhandener Sprachfähigkeit, nicht artikulieren konnte, wenn sie etwas wollte, erreichten wir durch den Einsatz von Cara, dass sie begann, Dinge für sich einzufordern! Es war ein langer und schwieriger Therapieprozess gewesen, aber der Einsatz aller Beteiligten hatte sich gelohnt.

Auch bei sekundären (der Grunderkrankung folgenden) Depressionen habe ich gute Erfahrungen mit der tiergestützten Therapie gemacht.

Ebenso als Motivator ist der Einsatz von einem Hund unbezahlbar. Ich hatte schon therapiemüde Patienten, die durch die Arbeit mit Cara wieder Freude an der Therapie hatten und offen auf das therapeutische Angebot reagieren konnten. Bei manchen Patienten auch verständlich, weil sie entweder schon jahrelang regelmäßig Therapie brauchen oder ihre Erkrankung mit großem psychischen Druck für sie verbunden ist und die Therapie sie an ihre Defizite erinnert.

Natürlich ist es oft auch für Cara stressig, so eingesetzt zu werden: ein laut schreiendes Kind, eine wild und laut gestikulierende geistig behinderte Frau, Patienten, die sie viel streicheln wollen (nicht ihre Lieblingsbeschäftigung), Kinder, die sie grob oder falsch anfassen (von hinten überraschen), Patienten, die aufgrund ihrer Erkrankung extrem lange brauchen, um mit ihr zu agieren. Aber ich habe sie ja gut auf Stresszeichen im Auge und es gibt nach jedem Einsatz eine kurze Erholungsrunde auf einer herrlich großen Wiese mit vielen Steckis zum Kauen….:)

Erwähnen möchte ich zum Schluss noch, dass mir persönlich das Leben mit meiner Cara unheimlich viel Spass macht und um dem temperamentvollen Hovawart in ihr gerecht zu werden, wir jeden Vormittag sehr sportlich in freier Natur unterwegs sind. Diese beiden Aspekte sind für mich die bestmögliche Burn Out Prophylaxe in meinem Berufsfeld.

Danke dir, Cara!

 

 

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